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        Energiespargemeinde

        Eine sächsische Gemeinde auf dem Weg zur autarken Energieversorgung:

        Die Jahrhundertflut brachte den Stein ins Rollen

        „Energiespargemeinde" nennt sich seit 2007 die Einheitsgemeinde Zschadraß im Landkreis. Das Prädikat wurde insgesamt vier sächsischen Kommunen durch die Sächsische Energieagentur - SAENA GmbH" für drei Jahre verliehen. Als Landesgeschäftsstelle des eea® (European Energy Award®) unterstützt die SAENA die Fortführung und flächendeckende Einführung eines 2003 ins Leben gerufenen Projekts in sächsischen Kommunen. Seitdem versuchen über zwanzig sächsische Städte und Gemeinden, den Energieverbrauch zu optimieren. Weitere Kommunen stehen vor der Entscheidung zur Teilnahme.

        In Zschadraß wartete man jedoch nicht erst bis zur Gründung des eea®. „Bereits 2000 dachten wir darüber nach, wie wir durch eine effizientere Energienutzung die chronisch klamme Gemeindekasse entlasten können", berichtet Hauptamtsleiter Hans-Peter Kiesel. Im Rahmen der Gebietsreform war die Einheitsgemeinde 1995 aus achtzehn Ortsteilen mit insgesamt 3500 Einwohnern gegründet worden. Entgegen dem allgemeinen Trend können die Gemeindeväter nicht über Bevölkerungsschwund klagen. Im Gegenteil: „Wir leben in einem geburtenfreudigen Eckchen", so der Hauptamtsleiter. Daher ist die Einwohnerzahl bis heute stabil geblieben.

        Die Ortsteile im touristisch attraktiven Muldental sind landwirtschaftlich geprägt: „Der größte Betrieb bewirtschaftet eine Fläche von 6000 Hektar. Darüber hinaus gibt es etliche Neueinrichter", erläutert der Hauptamtsleiter. Weiterhin sind in der Einheitsgemeinde Handwerks- und Gewerbebetriebe sowie Dienstleister präsent. In den vergangenen Jahren wurden neue Gewerbeflächen erschlossen. Auch haben zahlreiche Häuslebauer in Zschadraß eine neue Heimat gefunden.

        EnergiespargemeindeBürgermeister Matthias Schmiedel, seit nunmehr achtzehn Jahren in Amt und Würden, brachte damals den Stein ins Rollen. Als er ein Konzept für Nachhaltigkeit in den nächsten fünfzig Jahren zu entwickeln begann, waren die Gemeinderäte zunächst skeptisch: Das Konzept sah vor, bis zum Jahr 2050 den gesamten Energiebedarf für alle öffentlichen und privaten Gebäude aus regenerativen Quellen zu gewinnen.

        CO2-neutrale Heizung für öffentliche Gebäude

        Natürlich Schritt für Schritt. Hans-Peter Kiesel: „Der Bürgermeister schlug als erstes Projekt vor, die Straßenbeleuchtung von null bis vier Uhr morgens auszuschalten. Darüber hinaus wurden konventionelle Leuchtkörper gegen Energiesparlampen ausgetauscht und Stromkreisläufe zusammengefasst." Nach einer Testphase wurde von allen Seiten akzeptiert, dass es in der Gemeinde zu nachtschlafender Zeit stockduster ist. „Seit 2002 sparen wir dreißig Prozent Energiekosten ein, obwohl inzwischen mehr Straßenleuchten installiert worden sind", unterstreicht der Hauptamtsleiter.  

        Bei der Jahrhundertflut im August 2002 wurden zwar viele Einwohner der Gemeinde Zschadraß geschädigt. Die Naturkatastrophe bewirkte aber auch Impulse für weitere Energiesparmaßnahmen. Der Hauptamtsleiter: „Aus Frankfurt am Main kamen damals vier engagierte Leute, um uns bei der Schadensbeseitigung zu unterstützen." Einer von ihnen, Werner Nold, hatte seit eh und je den Wunsch gehabt, eine Stiftung für Ökologie und Soziales zu gründen. Weil der Bürgermeister von Zschadraß ähnlich tickt, konnte in Zschadraß seine Idee 2004 endlich verwirklicht werden. Seit vorigem Jahr ist Werner Nold Ehrenbürger der Einheitsgemeinde.

        Weil eine Turnhalle durch das Hochwasser zerstört worden war, wurden der Gemeindeverwaltung Mittel für eine Ersatzbaumaßnahme bewilligt. „Wir beschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen und die erste CO2-neutrale Turnhalle in Sachsen zu bauen", erinnert sich Hans-Peter Kiesel. Matthias Schmiedel hatte sich schon geraume Zeit vorher auf einem Seminar dazu inspirieren lassen und längst ein Konzept in der Schublade gehabt. Für die neue Turnhalle wurde ein Gelände direkt an der Grundschule und neben der Gemeindeverwaltung im Ortsteil Hausdorf ausgewählt. „Im Rahmen der Bauarbeiten ließen wir die Heizung im Keller der Schule auf die Verbrennung von Holzhackschnitzeln umrüsten", berichtet der Hauptamtsleiter.

        Seitdem versorgt die Heizung die Schule, einen Kindergarten, einen Hort, die Gemeindeverwaltung sowie die Sportlergaststätte. Weiter profitieren davon die Bowlingbahn, das Vereinsheim sowie die Turnhalle. „Die Kapazität der Heizung beträgt nur 300 kW. Der Projektant hatte zwar eine Anlage mit höherer Leistung vorgeschlagen", räumt Hans-Peter Kiesel ein. Experten in der Gemeinde hatten aber den Bedarf exakt berechnet: „Weil die Einrichtungen zu unterschiedlichen Zeiten genutzt werden, können wir die Heizung auf Sparflamme halten."

         

        Ein Landwirt baut lignozellulosehaltige Energieträger an

        EnergiespargemeindeAnfangs hatte die Gemeinde Holzhackschnitzel von gewerblichen Anbietern aus einem Umkreis von 30 Kilometern bezogen. Inzwischen ist die Beschaffung von Brennmaterial ein Selbstläufer: „Verschiedene Einrichtungen, Firmen und Bürger bieten uns abzuholzende Bäume an", so der Hauptamtsleiter. Außerdem hat der größte landwirtschaftliche Betrieb der Gemeinde auf sechs Hektar Fläche schnell wachsende Gehölze angepflanzt. „Dadurch kann zwar nicht der Jahresbedarf gedeckt werden und wir müssen immer noch zusätzliche Lieferungen organisieren", räumt Hans-Peter Kiesel ein. Doch mittlerweile lagert die Gemeinde kontinuierlich auf Vorrat Holzhackschnitzel für zwei Jahre.

        Frisch produzierte Schnitzel werden innerhalb von acht Wochen auf 30 Prozent Restfeuchte getrocknet. Sie werden auf dem Biomassehof im Ortsteil Raschütz gelagert. Die Trocknungsanlage ist in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden im Rahmen eines Versuchsfelds für nachwachsende Rohstoffe entwickelt worden. Nach der Patentierung des Verfahrens wurde der Gemeinde eine Lizenz erteilt, die Anlage weiter zu betreiben.

        Mittlerweile wurde auch in Raschütz ein Holzhackschnitzelofen mit einer Kapazität von 50 kW für die Beheizung der Betriebsräume, des Gebäudes der Freiwilligen Feuerwehr sowie einer kleinen Verkaufseinrichtung installiert. Dieser Ofen neuerer Generation ist auch für die Verbrennung anderer pflanzlicher Energieträger wie zum Beispiel Miscanthus geeignet.

        Auch das Fachkrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie im Ortsteil Zschadraß wurde inzwischen auf eine CO2-neutrale Heizanlage umgerüstet. Der Hauptamtsleiter: „Die Klinikleitung ließ ein Nahwärmenetz für die zentrale Versorgung mit einer Kapazität von 1 MW installieren." Die Holzhackschnitzel liefert ein gewerblicher Produzent. Bedarfsspitzen werden mit der zusätzlichen Verbrennung von Erdgas abgedeckt.    

        Gewinne aus Energieerzeugung für soziale Zwecke

        EnergiespargemeindeEin weiteres Thema ist die Wärmegewinnung durch Photovoltaik. In der Turnhalle wird zum Beispiel das Wasser durch Sonnenenergie erwärmt. Die Gebläse für die Frischluftzufuhr sind so konstruiert, dass der Heizbedarf um 5 Grad C gesenkt werden kann. „Drei Gebläse saugen ausschließlich Frischluft an. Zwei weitere werden durch unterirdische Kanäle geführt, damit sich die Lufttemperatur erwärmt", erklärt Hans-Peter Kiesel. Das sechste Gebläse wurde an der Südseite installiert, wo direktes Sonnenlicht für die Lufterwärmung genutzt werden kann.

         

        Die Photovoltaikanlagen für gemeindeeigene Objekte wurden ganz oder zumindest zum Teil durch die Ökologisch-Soziale Stiftung Zschadraß, die Fluthelfer Werner Nold seinerzeit ins Leben gerufen hatte, finanziert. Eine davon befindet sich auf dem Dach eines Kindergartens des Vereins „Ländliches Leben e. V.". Auch der Biomassehof in Raschütz sowie die benachbarte Feuerwehr bieten gute Voraussetzungen für die Nutzung von Sonnenenergie. Es gelang der Gemeindeverwaltung sogar, die Denkmalpfleger davon zu überzeugen, dass Tradition und Fortschritt einander nicht ausschließen müssen: „Für das historische Gebäude des Bauhofs in Zschadraß haben sie uns das Eindecken mit einer Indachanlage genehmigt", so der Hauptamtsleiter.

        EnergiespargemeindeDie Erträge aus der Einspeisung von überschüssigen Stromkapazitäten in das öffentliche Netz verwendet die Ökologisch-Soziale Stiftung für die Finanzierung sozialer Projekte in der Gemeinde. Eines davon ist die Zahlung von Zuschüssen für die Schulspeisung an Kinder aus bedürftigen Familien. Auch hat die Ökologisch-Soziale Stiftung mit Erträgen aus der Stromerzeugung einen Kleinbus finanziert, den die Vereine nutzen dürfen. Logisch, dass dieser Bus für den Betrieb mit aus Rapsöl gewonnenem Bioethanol umgerüstet wurde. Ein weiteres Projekt war die Installation einer Solaranlage auf dem Sportlerheim für die Warmwasserversorgung. Überdies veranstaltet die Stiftung, der genau wie dem „Ländliches Leben e. V." auch Gemeinderatsmitglieder angehören, in der Grundschule regelmäßig Energiespartage.

        Vorbild der Gemeinde färbt auf die Bürger ab

        Gegenwärtig steht die Errichtung der ersten Biogasanlage in der Gemeinde zur Debatte: „Wir versuchen einen Landwirt im Ortsteil Podelwitz dafür zu begeistern", so der Hauptamtsleiter. Die Abwärme könnte für die Beheizung des in Gemeindebesitz befindlichen Schlosskomplexes genutzt werden. Sollte das Projekt scheitern, soll auch auf dem ehemaligen Adelssitz eine Holzhackschnitzelheizung installiert werden.

        Perspektivisch möchte sich die Gemeinde auch an Windkraftanlagen beteiligen. Hans-Peter Kiesel: „Im Ortsteil Bockwitz betreibt ein Bürger unserer Gemeinde bereits drei Windkrafträder. Gegenwärtig erörtern wir eine Beteiligung an einem neuen Windrad." Von den Gewinnen könnte wiederum die Stiftung profitieren. „Auf diese Weise wäre es zum Beispiel möglich, die Elternbeiträge für die Kindereinrichtungen stabil zu halten oder sogar zu senken", verrät der Hauptamtsleiter nur einen möglichen Verwendungszweck.

        Sollte die Vision Realität werden, müsste allerdings eines der älteren Windräder stillgelegt werden, weil die Abnahmemengen aus technischen Gründen begrenzt sind. Die Nutzung überschüssiger Energie für kommunale Zwecke wäre indessen ein weiterer Schritt auf dem Weg zur autarken Gemeinde. Zudem könnten durch die kommunale Beteiligung an der Windkraftnutzung auch Vorurteile ausgeräumt werden: „Manche Bürger haben noch ästhetische Bedenken. Deshalb möchten wir vermitteln, dass durch diese Art der Energiegewinnung nicht nur Gewinne erwirtschaftet, sondern auch natürliche Ressourcen geschont werden", so Hans-Peter Kiesel.

        Dazu soll eines Tages auch auf dem Dach der Gemeindeverwaltung eine kleine Windturbine beitragen. „Nach den Vorstellungen des Bürgermeisters soll solch eine Anlage den Bürgern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie ihre eigenen Haushalte mit selbst gewonnener Energie versorgen können", unterstreicht der Hauptamtsleiter. Vieles spricht dafür, dass die Überzeugungsarbeit gelingt: Photovoltaikanlagen sind auf den Dächern von Eigenheimen längst keine Ausnahme mehr. Und es werden stetig mehr.

        Text aus forum.newpower, Ausgabe 1.2009 - Reinhard Wylegalla

        Den eea-Bericht externes Re-Audit vom 14.10.2013 sowie der Auditbericht können Sie in den Downloads lesen.

         

         

        Frau Gläser qualifizierte sich zum Energiemanager-Kommunal

        Wie kann Energiesparen in einer Kommune funktionieren? Um diese Frage ging es bei dem Pilotprojekt, das seit September 2013 lief, von der Sächsische Energieagentur (Saena) begleitet und durch das Leader-Regionalmanagement Leipziger Muldenland unterstützt wurde. Bereits seit 2012 unterstützt die Saena ein vergleichbares Projekt in der Westlausitz. Kernbestandteil war ein sechstägiger Ausbildungslehrgang zum kommunalen Energiemanager. In dieser Schulung erhielten die Teilnehmer umfangreiche Informationen, wie die Suche nach Einsparpotenzialen in den jeweiligen Kommunen aussehen könnte. Von der Optimierung der Heizungsanlage bis zur Verwaltungsorganisation reichte dabei die Bandbreite. Begleitet wurde die Schulung von vertiefenden Workshops. Zudem erhielten die Energiebeauftragten hilfreiche Instrumente für ihre Arbeit, wie zum Beispiel eine Excel-Software für das Energiecontrolling. Für die konkrete Arbeit vor Ort wurden die Energiebeauftragten durch einen externen Fachberater begleitend unterstützt.
        Einen Einblick, wie das Vorgehen in der Praxis lief, gewährte unter anderem Bernd Ertel, Energiemanager der Stadtverwaltung Brandis. Als Ziel hätten die Projektteilnehmer definiert, im ersten Jahr etwa acht Prozent bei der Wärmeerzeugung und sieben Prozent der Stromkosten durch cleveres Energiemanagement zu sparen.
        "Das lohnt sich für die Städte und Gemeinden auf jeden Fall", sagte Umweltminister Kupfer zu dem Pilotprojekt. "Mit Hilfe eines professionellen Energiemanagements können Kommunen bei der Bewirtschaftung ihrer Gebäude wie Schulen, Kitas und Rathäuser bis zu 30 Prozent Energie und die damit verbundenen Energiekosten sparen."

         

        letzte Aktualisierung: 22.05.2014 13:37 Uhr
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